
cc-by-sa von miss sophie, und auf eine gar nicht in besitzverhältnissen gemeinte art auch ein wenig von mir.

cc-by-sa von miss sophie, und auf eine gar nicht in besitzverhältnissen gemeinte art auch ein wenig von mir.
Ein paar Grundlagen der Interpretationstheorie zeigen schnell, wie unwichtig und vor allem ohnmächtig in der Kommunkation (vom persönlichen Gespräch/Streit bis zur Weiterverwendung von Daten) die Autorintention schon immer war.
Es gibt die eine richtige Interpretation nicht. Jede Aussage hat Leerstellen, die wir als LeserIn/HörerIn/SeherIn (RezipientIn) mit unserem Wissen füllen müssen oder können, um etwas für uns sinnvolles daraus zu machen. Der Satz “Ich kaufe eine Kartoffel.” sagt ja beispielsweise nichts aus über die Kartoffelsorte (Linda, mehligkochend, bio, …), den Kaufort (Wochenmarkt, Discounter, Saatguthändler) oder den Kaufgrund (der beim Bauern ein anderer sein mag als beim Hobbykoch). Ohne mein Wissen um die Umstände der Äußerung dieses Satzes (wer hat das wann wem erzählt) kann ich die Dimension der Aussage nur sehr vage definieren und werde immer mein Wissen in diese Aussage hineinlegen (ich kaufe Kartoffeln nur bio, selten mehligkochend und nie als Saatgut), komme also zu MEINER Interpretation des Satzes, nicht aber unbedingt zur Intention des Sprechers.
Aber, um es an Umberto Eco angelehnt zu formulieren (der vom “Gebrauch” als negativem Gegenpart zur Interpretation spricht): Es gibt Über- und Fehlinterpretationen. Und die geschehen immer, wenn ich einer mir außenstehenden Information entgegen der in ihr enthaltenen Daten mehr von mir und meinem Wissen, meinen Intentionen anhänge, als es die Leerstellen ebendieser Information eigentlich erlauben (ich kann nicht eindeutig bestimmen, welche Kartoffel oben wofür gekauft wurde). Plump gesagt: Es gibt viele richtige Interpretationen einer Aussage, viele schwierige und viele falsche.
Datenschutz sollte m.E. die richtigen Interpretationen nicht verhindern, bei den schwierigen vorsichtig abwägen, aber gegen die falschen, insbesondere, wenn sie Selbstbestimmungsrechte verletzen, wirksam werden.
Was nun aber richtig, schwierig und falsch ist, lässt sich leider nicht pauschal sagen, hängt von der einzelnen Information, ihrem Sender und Empfänger und dem zum jeweiligen Interpretationsmoment zur Verfügung stehendem Zusatzwissen ab.
Heute würde ich sagen: Wo ich gerade rumhänge, geht die Öffentlichkeit nichts an, wenn ich das nicht kundtun will. Mein Mobilfunkprovider braucht die Info aber, um das Handy im Netz zu halten. Aber wehe, der bringt die an die Öffentlichkeit. Nicht sein Job. Sollte er das dennoch tun, will ich ihn dafür drankreigen können. Oder: Die Vorteile des deutschen Lieblingsbeispiel zum Thema “Google Street View” schätze ich persönlich höher als die Privatsphäre einer Hausfassade. Wer aber zur Zeit der Aufnahme durch das Google-Auto in meinen Vorgarten gepinkelt hat, muss nicht alle Welt sehen können. Oder so.
Der Kontrollverlust über die eigenen Daten ist aufgrund der Nichteindeutigkeit von Informationen und ihre Einbindung in die Kommunikationssituation schon immer gegeben, konnte noch nie ganz verhindert werden und wird mit jedem Mehr an Informationsfluss schwieriger.
Dennoch muss er nicht total sein und kann allgemein vernünftigen Regeln (hermeneutisch, semiotisch, kommunkationstheoretisch, such dir was aus) unterworfen werden. Im Konkreten (und damit juristischen) aber sind diese Regeln einer sehr komplexen und stetig fließenden Realität anzupassen.
Diesen Punkt bedenkend muss Datenverbreitung und -verarbeitung geregelt werden, braucht die tendenz zum Kontrollverlusst, tendenziell funktionierende Kontrollmechanismen. Und zwar so, dass es das Individuum so weit schützt wie nötig und ihm so weit nützt und so viel ermöglicht wie möglich. Weil Daten Machtverhältnissen unterworfen sind.
In der Mitte des Landes ist alles gelbbraun. Außer dem Klee und dem andern Zeugs, das grün auf manchen Äckern steht, um alsbald untergepflügt zu werden. Während der Nebel in den Tälern die Zeit entrückt, stehen auf den Lichtungen der bewaldeten Höhen Rotwildgroßfamilien und sonnen sich. Das ist so schön hier, so romantisch. Kein schöner Land mitten in der Bundesrepublik. Heimat, zum Erbrechen idyllisch. Goldener Oktober, ach hau mir ab. Heute ist Volkstrauertag und wir sind eben in einem überfüllten Nahverkehrszug mit dicken Kindern und besoffenen Männern mit grauer Haut und billigen Kleidern aus Kassel raus.
Es ist Ende Juni und in Westdeutschland angeblich schon warm. Ich freu mich drauf. Samstagmorgen, aus Berlin sind vor allem junge Menschen auf dem Weg in die alte Heimat. Zeitungen, Zeitschriften, Notebooks und hochwertige In-Ear-Kopfhörer schaffen eine entspannte, fast stille Atmosphäre. In Braunschweig wird der Zug voll. Auf einmal höre ich hinter mir eine Stimme, in die all die Enttäuschungen einer Jahrzehnte währenden Ehe hineingelegt sind: “Erwin, ich habe einen Platz, wo du mir gegenüber sitzt. Kommst du bitte mit?” Ja, es gibt Möglichkeiten, sich im Lebensabend für all die Demütigungen des Patriarchats zu rächen. Immerhin hat sie “bitte” gesagt. Georg hat es da nicht so gut. Der alte Mann wird von seiner Frau platziert, dann soll er Zeitung lesen. Sie setzt sich neben mich. Leider ist der Sitz im ICE-Großraumabteil zu schmal für ihren Hintern. Aber ich hab ja noch ein bisschen Platz. Sie packt eine Packung Tiefkühlobstkuchen aus, in die sie, eingehüllt in einen Gefrierbeutel, einen Pappteller mit dem aufgeschnittenen Tiefkühlobstkuchen gepackt hatte. Dann ruft sie Georg zu sich, fragt wieviel Kuchen er will, gibt ihm zeitgleich zwei Stück und verkündet dem ganzen Abteil, dass müsse vorerst genügen, sie habe aber auch noch belegte Brote dabei. Georg, scheinbar halb so groß und halb so breit wie seine Frau, schweigt und trollt sich. Sie löst Kreuzworträtsel in einer Adels- und Schlagerpromipostille. Irgendwann steht er auf. Zwischen zwei Bahnhöfen. Einfach so. Panische Reaktion auf der anderen Hälfte meines Sitzes und dem daneben: “Georg, was ist mit Deinem Platz? Georg, setz dich wieder hin!” Georg zeigt einen halbherzigen Versuch der Auflehnung, murmelt irgendetwas, was wirsch sein soll, aber resigniert klingt. “Georg, die Leute sind schon ganz genervt von uns! Immer wenn wir verreisen, machst Du solche Probleme. Wir wollen den Leuten doch nicht dauernd zur Last fallen!”
Marianne hat Pizzaschnecken gemacht. “Wat tust du da drin?”, fragt Gisela. “Ein Becher Schmand, zwei Esslöffel Zwiebelsuppe von dem Pulver, Speckwürfel und Kräuter.” Mir ist schlecht. Gisela hat geschnittene Kohlrabi, Cocktailtomaten und Kräutersalz dabei. Es ist Hochsommer, die Klimaanlage im Zug arbeitet, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend. Dennoch ist mir der Duft des Kohlrabi hundertmal lieber als der, den vorhin die Füße der jungen VWL-Studentin nach dem Abstreifen der Mokassins verströmten. Die Füße und deren Besitzerin verließen mich aber schon in Gütersloh. Else hat zu Mariannes Pizzaschnecken und dem Kohlrabi, den Cocktailtomaten und dem Kräutersalz von Gisela noch Karottenschnitze, Cocktailtomaten, Käsewürfel und Trauben mitgebracht. Die drei Gatten haben Brot aus den Reisetaschen gekramt. Auch geschnittene Paprika ist da. “Iss doch mal wat Gesundes, hoho.” Gemeinsam öffnen sie ihre Gefrierbeutel und großküchentauglichen Plastikvorratsdosen, breiten alles auf den Tischen der zwei Vierersitzgruppen im Intercitywagon aus. Zum Essen wird Discountersekt halbtrocken in rosa Plastikbechern gereicht. Marianne: “Sind doch lecker, die Pizzaschnecken, ne?” “Joah… Geht wohl”, kaut Gisela genussvoll mit vollem Mund zurück. “Wollen sie auch ne Kohlrabi, junger Mann?” Sie sind aus Westfalen auf dem Weg in den Urlaub in Ostdeutschland. Nur praktische Kurzhaarfrisuren haben die Frauen wunderlicherweise keine. Ich schwitze. Da zeigt sich die Lebenstüchtigkeit von Reisegruppen kurz vorm Renteneintrittsalter. Else schickt Reinhold, um den Zugebgleiter zu holen. Wenn schon die Klimaanlage nicht funktioniert, sollen doch wenigstens die Fenster geöffnet sein. Uns umweht alsbald ein beinahe frischer Wind. Als Mariannes Mann aufsteht, um zur Toilette zu gehen, steigt der Duft von Schweißfüssen wieder in meine Nase. Als Mariannes Mann zurückkommt, setzt er sich zu Else, Gisela und deren Mann. Sie spielen Doppelkopf. Reinhold unterhält sich mit Marianne darüber, dass die Zeitung geschrieben hat, man solle nicht mehr den Garten wässern, weil das Grundwasser so stark zurückgeht. Zwischendurch erfragt Reinhold Mariannes Handynummer. Marianne lacht: “Ach ja, so is dat alle.”
mit der achten Märchenstunde haben Max und ich diesem “sympathischen Podcast-Format” ein eigenes Blog spendiert (also Max hat spendiert und eingerichtet, ich hab nur Hilfsarbeiten geleistet). Einen eigenen, selbstständigen Podcast- oder iTunes-Feed gibt’s auch für die Unterwegshörer. Für später habe ich das Märchenstundenblog links unter “und sonst” verlinkt.
Danke für Eure Aufmerksamkeit, jetzt schön weiter Eier auspusten und verzieren!
Günter saß in Ostberlin bei Freunden abends in der Stube,
Mit dabei saß aber auch ein böser Stasibube.
Mittags waren sie
Beim Bolzen in einem nahen Park,
Besonders Günters Einwürfe, die
Erwiesen sich als stark.
Jetzt aber hörten alle zu, wie der Günter schwelgte
Von diesem einen Treffen damals dort in Telgte.
Die Freunde waren fasziniert,
Der Spitzel aber irritiert,
Wie konnte Günter nur einst nach Telgte kommen?
Den Bitterfelder Weg hat er ganz sicher nicht genommen!
(Was der IM nicht wusste und bis heute auch nicht weiß,
Günter ging wie Jakob quer mit Uwe übers Gleis.)
Kathrin zugeneigt, die mir die Leipziger Reclam-Ausgabe des Treffens schenkte.
Die blonde Brillenschlange mit den vor Trockenheit aufgesprungenen Lippen hintern Obstsafttresen bekommt hochrote Wangen, als ich einen Green Balance Medium bestelle, sie bekommt den Kopf nicht vom Kinn und ihr gelingt es kaum, mich durch die dicke Sehhilfe anzuschauen. Sie übergibt mir das Getränk. Sorry, hat was länger gedauert, ich arbeite hier sonst nicht, sorry, der Deckel ist zu groß, wir haben gerade keine passenden, also nicht wundern wenn er wegfliegt, lass es dir schmecken. War also nicht alles schüchtern an ihr.
Die Berlinale hat ein etwas kompliziertes Ticketverkaufsprocedere. Es gibt nur ein geringes Kontingent der Karten online, der Rest geht über den Reallife-Vorverkauf am Kartenhäuschen oder an der Tageskasse weg. Der Reallife-Vorverkauf startet in der Regel drei Tage vor der Erstaufführung eines Films auf dem Festival, Wiederholungen sieht ab vier Tage im Voraus zu haben. Für ausgewählte Kinos, Sektionen und den gesamten Publikumssonntag am Ende des Festivals gilt die Beschränkung aber nicht.
Das führt bei der Vielzahl an Filmen, die hier in Berlin in diesen Tagen laufen, schnell zu heillosem Chaos in der eigenen Kinobesuchsplanung. Auch braucht diese Planung in ihrer Umsetzung viel Zeit, muss man doch mehrere Male stundenlang an den Vorverkaufskassen anstehen, um dann doch nie alle Tickets zu bekommen, da einige Filme mittlerweile schon ausverkauft sind.
Dieses Planungschaos setzt sich spätestens dann im Filmkonsum und dadurch im eigenen Kopf fort, wenn der dritte Film am Tag läuft oder der vierte Festivaltag angebrochen ist. Dann bist du drin in der Parallelwelt aus großen Leinwänden und dunklen Sälen, aus Geschichten und Bildern, das Rennen von Kino zu Kino, der viel zu kurze Schlaf zwischen Spät- und Frühvorstellung.
Da passt es gut, dass die Illusionsmaschine Kino seit jeher gern die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Einbildung stellt und auch diesen Winter wieder viele Filme unsere Wahrnehmungs- und Sehgewohnheiten auf die Probe stellen.
Schade, wenn das so platt wie in “Shutter Island”, Martin Scorsese neuem Film über Wahnsinn und Traum, passiert. Da kann Leonardo di Caprio noch so intensiv spielen, wenn eine ausgelutschte Bildmetaphorik des Wahnsinns (Sturm! Blitze! klaustrophobische Kapellen! Verwinkelte Treppenhäuser!) und düstere Filmmusik das eh schon Offensichtliche eins zu eins darstellen sollen und uns die Figuren dann auch noch erzählen müssen, wie kafkaesk das alles ist.. ach nein.
Aber zum Glück laufen ja noch ein paar hundert Filme, die nicht eh später im Blockbusterkino gezeigt werden.
“One day” zum Beispiel, eine herrlich langsamer Liebesfilm aus Taiwan um zwei gerade Erwachsene junge Menschen. Wenig Worte, viele elend lange und simple Einstellungen und dann bricht völlig überraschend Horror oder Absurdität ein in die Traumwelten zweier Verliebter. Die beiden verbindet ein Traum, den sie am Beginn der erzählten Geschichte träumt und er am Ende. Wenn nicht ein ganz anderer Teil des Erzählten ein Traum ist. Letztlich ist es im Leben wie mit Noppenfolie, so der Film. Irgendwas muss platzen und das ist auch schön.
Manchmal haben Wahrnehmen und Sehen etwas mit Zufall zu tun. Ich wusste nicht, dass mein alter Freund Thomas auch dieses Jahr wieder bei der Berlinale arbeitet. Wir haben ihn am Sonntag zufällig am roten Teppich des Berlinale Palastes stehen sehen in der Uniform der Kartenkontrolleure. Wir hatten nicht auf dem Schirm, dass jetzt gleich Ben Stiller hier ins Kino geht. Aber als Thomas uns Plätze neben den Pressefotografen klar macht, sagen wir nicht nein.
So nah siehst Du so jemanden ja nicht alle Tage. Konnte ja keiner ahnen, dass der Akku unserer Kamera schlapp macht, nachdem wir Klaus Wowereit geknipst hatten, aber Ben Stiller noch nicht eingetroffen war. Also keine Erinnerungsbilder mit Ben.
Dass ich spätabends dann die Premiere von Banksys “Exit through the Gift Shop” sehen würde, war mir auch nicht klar. Ich war nur verwundert, dass wir alle, die wir ins Kino gingen, dabei von Fernsehkameras und Pressefotografen eingefangen wurden. Da war wohl der Festivalleiter schuld dran, hat er doch behauptet, der große unbekannte Banksy selbst sei in der Stadt und vielleicht ja auch im Kino. Und die Journalisten und wir alle fragten uns. Ist er da? Bin ich etwa? Nein, das fragten sich wohl eher weniger. Neben mir saß er auch nicht. Außer er ist eine deutsche Frau. Sein Film allerdings zeigt neben einer kleinen Geschichte der Streetart, sehr unterhaltsam wie Kunst und Kunstmarkt durch Schein und Vernebelung funktionieren.
Ich muss los, rein in die Wahrnehmungsüberforderung. Heute sind noch zwei Filme auf dem Programm und zwischendurch nochmal für Karten anstehen. Ich mag die Berlinale.

cc von baerchen57
Eine kleine Anekdote aus meiner Jugend habe ich vorhin für das wunderbare Kraftfuttermischwerk aufgeschrieben. Der Hausherr hatte in Italien zu tun und überließ die Futtermischung seit einigen Tagen einigen Gästen, mir ist es eine große Ehre mich bei einem meiner Lieblingblogs nach Flugreise, Jetlag, Job und Internetreperatur zum Endspurt der Gastmischerei mit ebendiesem Text einzubringen. Wollte ich mal kurz drauf hinweisen. Wer sonst noch mitmischte (und es ist eine schöne Mischung geworden), steht hier.

Miss Sophie auf ipernity (via)